Seltsam. Dass die Blumen fast „unsichtbar“ sind, ist eine seltsame Tatsache. Jeder Versuch sie zu betrachten scheitert. Das Bild einer Blume: Beweismittel ihre Wahrheit, oder der Schleier ihrer Aufmerksamkeit. Was ist aber das Nebulöse das die Blume umgibt und so geheimnisvoll macht? Jedes Mal, wenn ich mir die Blume anschaue, die in diesem knallgrünen Topf so majestätisch mitten in meinem Zimmer steht, unterliege ich der Tatsache unterliegen: Natur und Kultur. Eine Blume aus Ecuador steht nachts in meiner Wohnung. In ihrer Ruhe ist die Blume wie der Regen. Er gibt uns das Gefühl der Machtlosigkeit, die Wohnung das Gefühl der Geborgenheit. Das als ob die Kultur mitten in meiner Wohnung die Natur umarmt. Oder umgreift? Hätte ich niemals in meinem Leben gelernt was Dinge sind, dann wäre es schwer zu deuten was die Natur von der Kultur unterscheidet. Lerne ich was Dinge sind, so entdecke ich Mustern und komplexe Strukturen, kläre Materien auf, die verantwortlich für die Entstehung des Universums sind, nenne Zirkularität die Bewegung der Natur usw. Und hilft es mir all diese Dinge zu erfahren? Die Blume wirft meinen Blick zu mir zurück. An ihr erkenne ich bekannte Strukturen und Gefüge, nämlich Bildungsgrenzen die wir uns selbst (nicht immer freiwillig) auferlegt haben. Dennoch, ihr Aufschein bleibt mir völlig fremd, beim Ansehen unerreichbar. Trotzdem gelingt es mir sie mir, sowohl morphologisch wie funktionell, vorzustellen und trotz ihrer scheinbaren Fremdheit, als „meine“ Blume zu verstehen. Ich sehe diese Blume und nicht irgendeine andere an und merke dass eine gedankliche Verstrickung unausweichlich ist. Ihr gedankliches Phantom lässt mich nicht näher kommen. Ihre gedankliche Anwesenheit abzuschaffen bedeutet, mich hinter dem Phantom ihres „Unterstandes“ zu verbergen. Kulturelle Vorstellungen klammern sich eng an sie, noch enger ein dialektischer Ansatz. Ich wende meine Aufmerksamkeit verstärkt der gegenständlichen Welt zu, und sehe wie sich die abstrakte Qualität der Natur aufdeckt und wie diese das Wirkliche aufgreift. Mein besonderes Ziel ist, ihre Formen zu sehen und stärker denn je zu fühlen. Eine Synthese zwischen Abstraktion und Gegenständlichkeit. Ihre Darstellung so zu wählen, um der Wahrheit näher zu kommen. Es ist eigentlich überraschend wie die Menschen zwischen Gegenständlichem und Abstraktem trennen. Eine Blume, ein Samen oder eine Frau machen doch kein gutes Bild aus, nur weil darauf eine Blume, ein Samen oder eine Frau zu sehen ist. Aufs Spiel von Linien, Farben und verschiedenen Qualitäten kommt es an, und dadurch entsteht Ausdruck. Das Abstrakte ist in meiner Kunst so tief verwurzelt, wie das Unbestimmte in mir. Es ist eindeutig die Form der menschlichen Unbestimmtheit die durch meine Kunst klargestellt wird. Eine Blume ist üblicherweise klein. Das Erstaunliche daran ist dass jeder eine Reihe von Vorstellungen mit einer Blume verbindet und zwar nicht mit der Blume selbst, sondern mit der Idee einer Blume. Doch niemand macht sich Gedanken darüber, ob beim Ansehen einer Blume die betrachtete Blume der Vorstellung von irgendeiner Blume entspricht, oder eben die, die der Betrachter direkt vor sich hat. Die Blume die jeder von uns im Kopf hat, ist eigentlich keine Rose, Petunie oder Mohnblume, sondern alle Blumen, die wir in unserm Leben gesehen haben zusammen. In dem Sinne, kann die Idee ihrem begreiflichen Bild nicht entkommen weil sie von ihrer imaginären Gegenständlichkeit hergeleitet wird und zwar mit der Absicht, nicht zur bloßen Abbildung ihres Bildes zu geraten. Ich begann über „DIE“ Blume nachzudenken, weil sie in uns Menschen keinerlei Gefühle auslöst. Das Interessante daran ist, dass jeder von uns zu der Frage „wie schaut eine Blume aus?“ sich bestimmt etwas ganz anderes vorstellt, das mit der Blume, die im Nationalgarten steht, wenig zu tun hat, und noch weniger mit der, die der Fragende im Kopf hat als er diese Frage einem anderen Mensch stellt. Die Frage Was ist? Oder besser gesagt, „was ist eine Blume?“-war für mich nur der Anlass, über die Dinge in der Welt, die Gestalten des Leblosen und Lebendigen, alles Kommende und Gehende nachzudenken. Der Anlass nach dem eigentlichen Sein zu suchen, das alles zusammenhält, allem zugrunde liegt, aus dem alles, was ist hervorgeht. Diese Unruhe, die mich oft zu Grenzsituationen geführt hat, hat in meiner Arbeit einen sehr wichtigen Platz gewonnen – den ein Äquivalent für die Welt zu schaffen.
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