Der ewige Kampf zwischen Kultur und Natur als
Ausdruck der Kunst, darum geht es auch Konstantino
Dregos. Aber ist es bei Shuang Wu der Akt der
Gewalt als solcher, versucht der griechische Künstler,
dem Keim animalischer Triebe auf den Grund zu
gehen. Seine faltigen und organisch anmutenden Objekte
sind Blumen ganz besonderer Art. Arbeiten, die
nach einer 2009 in Athen gezeigten Großinstallation
entstanden sind, wo Dregos mit einer 9 Meter langen
vorgeschichtlichen Blume versucht hat, der Trägheit
der Zeit ein Gesicht zu geben. Ruinventions hieß die
Rauminstallation, ein Wiedererfinden der Ruine, die
für Konstantino Dregos sowohl ein Zeichen für Niedergang
wie auch für aufkeimende Ideen ist. Denn
das Nachdenken über die Blume, sagt der Künstler,
führt zu einem Nachdenken über die Kultur und darüber,
woraus sich die Gesellschaft und ihre sozialen
Gruppen zusammensetzen. So sind die Blumen von
Konstantino Dregos letztendlich auch ein Abbild dessen,
wie Kultur auf uns einwirkt, eine Möglichkeit oder
der Umstand, sich jeden Tag neu zu erfinden unter
dem Druck gelebter Normen und Prinzipien. Dabei
sind Blumen so klein, unbedeutend und alltäglich,
dass wir ihr Sein oft nicht einmal mehr wahrnehmen.
Wie anders dagegen Dregos‘ Blumen: voluminös,
kompakt oder fangarmnartig wuchernd, sind sie außerordentlich
präsent und scheinbar robust. Scheinbar,
denn wäre es möglich, kleideten sich die Blumen
in dünne Menschenhaut. So aber ist es Tierhaut,
Leder, das stellvertretend einspringt. Ihr Innenleben
besteht aus einem Drahtkörper und Gips. Besondere
Aufmerksamkeit schenkt der Künstler den Nähten der
Lederhaut, denn sie sind das, was gleichzeitig verbindet
und trennt. Das, was das Ganze zusammenhält.
Eine Seinsform, von Haut umgeben, eine Seinsform,
deren Kern bloß liegt oder sich dem Betrachter öffnet.
Ein Keim, gewöhnlich ein Teerkern, der für Denken
schlechthin steht, eine von vielen nur dem Menschen
zugestandene Eigenschaft, die nicht nur zu Höhenflügen
und Erfindungen befähigt, sondern auch absondern
und isolieren kann. So wie Teer isoliert, zum
Abdichten benutzt wird, um Flächen undurchlässig zu
machen. Aber sich gleichzeitig auch spielerisch und
filigran entwickeln kann, zu etwas völlig eigenem,
neuen, wie in dem Teer-Dripping.
Blumen spielen in Konstantino Dregos Leben eine
wichtige Rolle, nicht nur in seinem heutigen als
Künstler. Seine Eltern waren Floristen. Mit Blumen
ist er aufgewachsen, in einer schönen und doch
schnell vergänglichen Welt der Farben und der Düfte.
Geboren in Athen, Heimat der Dichter und Denker,
wuchs er so zwischen Blumen auf, begann aber
ganz im Sinne des antiken philosophischen Erbes
schon bald den schönen Schein zu hinterfragen und
wandte sich eher Wildwüchsigem wie dem Boxsport
zu. Nach einem Abstecher in die Soziologie studierte
er Bildhauerei und Malerei, um sich dann über ein
Stipendium für Weiterbildung nach Österreich aufzumachen.
Eine Herzensangelegenheit. Die Universität
für Kunst in Linz und Wien bot Philosophie an und
er entschied sich für den Schwerpunkt System- und
Medientheorie. In den drei Jahren lernte er intensiv
deutsch, er wollte die wichtigen philosophischen Abhandlungen
in der Muttersprache lesen. Drei Jahre
dauerte die Auseinandersetzung mit binärer Logik.
Was bleibt sind die Abschlussarbeit über die „Ästhetik
des Hasses“ und ein ausgezeichnetes Deutsch.
Und die zunehmende Gewissheit, dass er sich selber
nicht als Akademiker, sondern als Künstler sieht und
empfindet. Fort von der Theorie und der Auseinandersetzung
mit den Ideen und Fragestellungen anderer Menschen.
Wieder zurück zur praktischen Arbeit.
Dem selbstständigen Erarbeiten und Entwickeln von
Dingen, denen er auf den Grund zu gehen versucht.
Denn auch wenn er jetzt keine Abhandlungen mehr
schreibt, Fragen und philosophische Grundgedanken
beschäftigen ihn immer noch, er gibt ihnen nur auf
eine andere Art und Weise Form. Er möchte Anstoß
mit seinen Arbeiten geben, er möchte, dass wir selber
hinterfragen, welche Rolle wir in dem Gefüge von Natur
und Kultur spielen, was Natur für uns bedeutet und
wie es ist, wenn wir uns in ein anderes Lebewesen
hineinversetzen, hineindenken.
Um uns dazwischen zu bewegen, inbetween, zwischen
Natur und Kultur, zwischen Humanismus und
Animalität, zwischen traditioneller, auf naturgetreue
Ästhetik ausgerichteter Kunst und dem, was sich darunter
verbirgt.
Dr. Katia David, Berlin Januar 2011
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